Mauthausen
Survivors Research Project (MSRP)
In dem Projekt "Mauthausen überleben und erinnern" geht es um eine erstmalige breit vergleichende historisch-sozialwissenschaftliche und gegenwartsgeschichtliche Untersuchung einer großen Anzahl von Erinnerungserzählungen ehemaliger Häftlinge des Konzentrationslagers Mauthausen (und dessen Nebenlagern). Ausgehend von einer großen Anzahl von Audio- (und Video-)Interviews, die mit Überlebenden des Lagerkomplexes Mauthausen in den Jahren 2001 bis 2003 durchgeführt und aufgezeichnet wurden (MSDP), werden sich die Untersuchungen dieses Projekts vor allem auf die individuellen Lebensläufe der Überlebenden und auf deren Erinnerungs- und Erzählweisen nach den oft gravierendsten Verfolgungserfahrungen, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, fokussieren. Dabei werden sowohl
Die
Untersuchungen des Projekts kombinieren also zwei geschichtstheoretische
Ebenen:
Keine dieser drei Betrachtungsebenen könnte ohne das Risiko schwerwiegender Verzerrungen der Ergebnisse bei einer Analyse von autobiographischen Quellen (und anderen persönlichen Dokumenten, wie überhaupt auch vieler anderer "traditioneller" Archivquellen) ausgespart werden, vielmehr müssen sie in einem interaktiven Prozess auf allen Stufen der Forschung und Darstellung "zusammengesehen" werden, was auch die komplexe Organisation dieses modular aufgebauten Projekts prägt.
Zu jenen "Erinnerungskollektiven", die zur Ausprägung jeweils spezifischer Gedächtnisse wesentlich beigetragen haben, zählen etwa die zum Teil bereits unmittelbar nach der Befreiung der Lager in vielen europäischen Ländern von Überlebenden gegründeten nationalen und internationalen Organisationen. Diese lokalen, regionalen, nationalen und supranationalen Verbände haben über Jahrzehnte die Erinnerung an die Konzentrationslager in der Öffentlichkeit entscheidend geprägt bzw. prägen sie teilweise noch heute. Die Erinnerungen dieser Verbände repräsentiert allerdings häufig nur eine Gruppe von Überlebenden, die zumeist als "politische" Häftlinge im Lager inhaftiert waren. Im Vordergrund standen dadurch v.a. bestimmte Aspekte des Lagers wie widerständisches Verhalten und Solidarität zwischen den Häftlingen, die zum Teil, wie im Fall des Aufstands der Häftlinge zur Befreiung des Stammlagers Mauthausen im Mai 1945, bis zum Mythos verklärt wurden. Andere nicht minder charakteristische Aspekte wie das Leiden und Sterben der Häftlinge oder Formen der Kollaboration mit der SS gerieten dagegen nicht selten ebenso aus dem Blick, aus rassischen oder anderen nicht politischen Gründen verfolgte Häftlinge. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte die Erinnerung an die Konzentrationslager oder die Tabuisierung dieser Erfahrung im Bemühen der europäischen Staaten zur Konsolidierung oder Neuformulierung ihrer nationalen Identität eine wichtige Rolle. Während einige Staaten sie zum zentralen Bestandteil ihrer Gründungsmythen und Gedenkkulturen machten, tabuisierten sie andere über mehr oder weniger lange Zeiträume. Die Abkehr von den patriotischen Meistererzählungen der ersten Nachkriegsjahrzehnte, in denen die aus politischen Gründen Deportierten als Helden und Opfer eine zentrale Rolle spielten, zu einer "Völkermord-Erinnerung", die sich vorrangig mit den schmerzlichen und traumatischen Erfahrungen auseinandersetzt und die Zentralität des Holocaust betont, hatte für die Bedingungen, unter denen Überlebende ihre Lebens- und Verfolgungsgeschichten erzählen konnten, weitreichende Konsequenzen für die individuelle Trauma-Überwindung und Identitätsbildung und für die nationsbildenden "kollektiven Erinnerungen". Die lange Zeit dominierende Erinnerung an die "politischen" Häftlinge der Konzentrationslager etwa wurde ab den späten 1970er Jahren durch bis dahin "vergessene" Häftlingsgruppen ergänzt, darunter v.a. Juden, Roma und Sinti, Homosexuelle und Zeugen Jehovas. Auch die weiblichen KZ-Häftlinge, deren Erinnerung bis vor kurzem praktisch auf die Gedenkstätte Ravensbrück beschränkt war, oder sogenannte "asoziale" Häftlinge sind mittlerweile auch in Mauthausen in den Focus des Erinnerns und Gedenkens gerückt. Ziel dieses Projektteils
ist es somit, die Erinnerungen der Überlebenden in
ihre jeweiligen Lebenswelten zu kontextualisieren und die
Bedingungen des Sprechens über Mauthausen zu untersuchen.
Nach den individuellen Lebens- und Verfolgungswegen stehen
hier die "Gruppengedächtnisse" im Vordergrund.
Es wird daher Aufgabe der Kooperationspartner in den jeweiligen
Ländern sein, diese "Gruppengedächtnisse"
zu identifizieren und im Rahmen von Kollektivbiographien
zu untersuchen. In einem zweiten Schritt sollen diese Ergebnisse
von den Projektbearbeitern in Österreich komparativ
analysiert werden.
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