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Ludwig Boltzmann-Institut für

Historische Sozialwissenschaft

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Wahrnehmungen und Deutungen des Krieges durch „österreichische“ Wehrmachtsangehörige in westalliierter Kriegsgefangenschaft

Das Projekt (FWF P-22065) rekonstruiert, wie „österreichische“ Angehörige der deutschen Wehrmacht zeitgenössische Situationen während des Zweiten Weltkrieges wahrgenommen und gedeutet haben, indem es einen von der Forschung noch nicht genutzten Quellenkorpus auswertet: die Abhörprotokolle von Gesprächen deutscher Kriegsgefangener in amerikanischem und britischem Gewahrsam, die in den Jahren 1940 – 1945 entstanden sind. Dieser facettenreiche und umfangreiche Bestand, der in den Washingtoner National Archives und Londoner National Archives lagert und mehrere tausend Aktenvorgänge mit insgesamt etwa 100.000 Seiten umfasst, wird mit dem interdisziplinären Ansatz der Referenzrahmenanalyse erschlossen und ausgewertet, die für die Erforschung orientierender Einstellungen und Haltungen von Personen in einer gegebenen Situation entwickelt worden ist.

Das Wissen um die zeitgenössische Perzeption der nationalsozialistischen Diktatur, der Kriegsverbrechen, der Binnenstrukturen der Wehrmacht, der Kriegsgegner, aber auch des erwarteten Kriegsverlaufs und der Nachkriegsfolgen kann anhand dieser Quellen ganz erheblich erweitert werden. Damit erhält die Forschung einen vertieften Einblick in die Formen subjektiver Aneignung nachhaltiger historischer Ereignisse. Das Projekt vermag somit einen wichtigen Beitrag für die noch ausstehende Mentalitätsgeschichte der deutschen Wehrmacht und im Speziellen für die deutschen Soldaten „österreichischer“ Provenienz zu liefern, wobei der interdisziplinäre Ansatz des Projektes sicherstellt, dass die Ebenen der historischen Faktizität und der psychologischen Aneignungs- und Deutungsprozesse präzise aufeinander bezogen werden können.

Das amerikanische Abhörmaterial bietet überdies die einmalige Möglichkeit, die Wahrnehmungsmuster der abgehörten Kriegsgefangenen mit ihrem soziographischen Profil in Verbindung zu bringen, da der Quellenbestand zu jedem der abgehörten Soldaten ein Formblatt mit personenbezogenen Daten bereithält. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der amerikanische Bestand grundlegend von den britischen Abhörprotokollen, die einen solchen kollektivbiographischen Zugang mangels äquivalenten Datenmaterials nicht bieten und dieser erst mittels aufwendiger Recherchen in den deutschen Personalakten der kriegsgefangenen Soldaten erarbeitet werden muss.

Das Projekt leistet somit nicht nur elementare Grundlagenforschung, indem es einen bislang gänzlich unbekannten, umfangreichen Quellenbestand für die Geschichtswissenschaft zugänglich macht, sondern eröffnet zugleich eine neue Perspektive auf das Denken und Handeln der einfachen „österreichischen“ Mannschaftssoldaten und Unteroffiziere der deutschen Wehrmacht. In nahezu idealer Weise bietet der Quellenbestand Ansatzpunkte, um auf breiter Grundlage der zentralen Frage nachzugehen, inwiefern und ob überhaupt regionale, soziale und generationelle Muster die Wahrnehmungen und Deutungen der Wehrmachtangehörigen in der Extremsituation des Zweiten Weltkriegs bedingten.

 

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